Kaiserschnitte sollten so spät wie möglich erfolgen

 

23/01/2008, Natur und Wissenschaft
Jede Woche mehr zählt

Kaiserschnitte sollten so spät wie möglich erfolgen


Martina Lenzen-Schulte

Der Kaiserschnitt wird immer beliebter. Hierzulande entbindet schon gut ein Viertel der Schwangeren nicht mehr auf natürlichem Wege, in einigen Ländern Lateinamerikas ist es sogar die Hälfte. Die natürliche Geburt gilt aber als wichtiges Stimulans für die Lungen des Neugeborenen. Dazu passen Berichte, denen zufolge per Kaiserschnitt zur Welt gekommene Kinder unmittelbar nach der Geburt Atemschwierigkeiten haben. Eine neue Untersuchung aus der Universitätsklinik in Århus zeigt nun, dass dieses Risiko umso geringer ist, je näher am idealen Geburtstermin man den Eingriff vornimmt.

Die dänischen Forscher um Anne Kirkeby Hansen haben die Befunde von 34458 Neugeborenen ausgewertet. Verglichen wurden zwei Gruppen: Die eine bildeten jene Kinder, die geplant mittels Kaiserschnitt zur Welt kamen. Die andere Gruppe umfasste alle, bei denen eine natürliche Geburt angestrebt wurde, selbst wenn schließlich doch noch ein Kaiserschnitt erforderlich wurde. Denn selbst dann, wenn zunächst eine natürliche Geburt möglich scheint, muss doch etwa jede zehnte Frau damit rechnen, dass die Entbindung im Operationssaal beendet wird. Zu den Risiken, die für Mutter und Kind entstehen, wenn eine natürliche Geburt angestrebt wird, zählen daher auch jene der Notkaiserschnitte.

Alle Kinder waren zum Zeitpunkt der Geburt definitionsgemäß "fast reif" oder "reif", was bedeutet, dass die 37. Schwangerschaftswoche erreicht oder beendet war. Bei denen, für deren Geburt von vornherein ein Kaiserschnitt geplant gewesen war, kamen Atemschwierigkeiten zwei- bis viermal so häufig vor wie in der anderen Gruppe ("British Medical Journal", Bd. 336, S. 85). Das scheint auf den ersten Blick ein willkommenes Argument für jene Experten zu sein, die den allein auf Wunsch der Mutter vorgenommenen Kaiserschnitten kritisch gegenüberstehen. Schließlich ist es schwer zu rechtfertigen, ein Neugeborenes unnötig erhöhten Risiken auszusetzen.Allerdings zeigt sich bei genauer Betrachtung, dass die Atembeschwerden wohl weniger mit der Art und Weise der Geburt zusammenhängen als mit deren Zeitpunkt.

Beim geplanten Kaiserschnitt wird der Geburtstermin in der Regel früher als in der 40. Woche angesetzt, damit nicht etwa ein vorzeitiger Blasensprung die Pläne durchkreuzt oder ein Noteingriff erforderlich wird. Erfolgte der geplante Kaiserschnitt in der 37. oder 38. Woche, war bei den Kindern gegenüber denen aus der Vergleichsgruppe, die in der 40. Woche zur Welt gekommen waren, zwar noch ein erhöhtes Risiko für Atembeschwerden zu beobachten. Erfolgte er eine Woche später, war das aber nicht mehr der Fall. Offenbar sind die Reifungsprozesse der letzten Tage und Wochen von entscheidender Bedeutung.

Eine Arbeitsgruppe aus Padua berichtet, dass auch bedrohliche Luftansammlungen zwischen Rippenfell und Lunge nach Schnittentbindungen umso seltener beobachtet werden, je mehr man dem Ungeborenen nach der angebrochenen 37. Schwangerschaftswoche noch Zeit lässt. Eine Studie in Hongkong, bei der man das Schicksal von mehr als 8000 Kindern eineinhalb Jahre lang verfolgt hat, kann ebenfalls jene Mütter beruhigen, die einen Kaiserschnitt planen oder benötigen ("Epidemiology", Bd 18, S. 479). Die mittels Operation auf die Welt geholten Kinder wurden nämlich weder häufiger ins Krankenhaus eingewiesen, noch mussten sie öfter zum Arzt als die auf natürliche Weise geborenen.
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