Mehr Lebensqualität durch Diabetes - Schulung?
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Steigende Lebensqualität durch Schulung
Macht die Schulung von alten, manchmal schon sehr alten Menschen mit Typ 2 - Diabetes Sinn?
Oder ist das Ganze nur eine Beschäftigungsmaßnahme und Selbstbefriedigung von sogenannten Diabetesprofis?
Steigt die Lebensqualität, wenn der Diabetiker auf einmal weiß, was er bisher alles falsch gemacht hat?
Häufig gehörte Patientenaussage: Der Doktor (Hausarzt) hat doch immer gesagt, dass alles in Ordnung ist. Er hat auch regelmäßig den HbA1c-Wert gemessen. Und der war immer gut - hat er gesagt.
Spätestens auf Nachfrage berichten die Patienten dann aber oft, dass in der letzten Zeit das Sehen schlechter geworden ist – und so ein komisches Kribbelgefühl in den Beinen ist auch da.
Das bedeutet, dass Folgeschäden durch den Diabetes bereits entstanden sind. Folgeschäden, die nicht hätten entstehen müssen. Ich denke, dass allein diese Beispiele schon zeigen, dass sich Schulung lohnt und die LQ (LebensQualität) der Betroffenen erhöht.
Ich zeige Ihnen zunächst ein paar Zahlen aus einer norddeutschen Klinik:
Und zwar die HbA1c-Werte von 50 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Typ 2 - Diabetikern
vor der Schulung und ca ein Jahr nach der Schulung:
von 50 Patienten hatten
10 einen schlechteren
9 einen praktisch unveränderten (guten)
31 einen deutlich besseren
HbA1c - Wert, 1 Jahr nach der Schulung
(10 - 20 Monate, im Mittel 12,8 Monate)
Das Alter der Patienten lag zur Zeit der Schulung zwischen 47 und 89 Jahren. Die meisten hatten ihren Diabetes schon seit vielen Jahren und wurden überwiegend erstmalig geschult.
Ähnliche Zahlen können alle vorlegen, die nach einem strukturierten und evaluierten Programm Diabetiker schulen. Diabetiker sind sicherlich nicht durch das Schüren von Angst vor Folgeschäden zu motivieren, sondern eher dadurch, dass man ihnen aufzeigt, mit welchen einfachen Mitteln und Verhaltensänderungen eine bessere Blutzuckereinstellung zu erreichen ist.
Damit einhergehend sinkt dann auch automatisch ganz gravierend die Gefahr von Spätfolgen durch den Diabetes.
In den USA wurde eine Langzeitstudie über insgesamt 10 Jahre mit Typ 1- Diabetikern durchgeführt. Die Fragestellung dieser Studie war:
Wie ist der Einfluss von intensivierter und konventioneller Therapie auf die Inzidenz (Neuerkrankung) und Progression (Fortschreiten) diabetischer Folgeerkrankungen?
Knapp 1500 Patienten wurden im Mittel über 6,5 Jahre beobachtet.
Untersucht wurde u.a. das Auftreten bzw. Fortschreiten von Retinopathien, Neuropathien, Mikro- und Makroalbuminurien und Hypoglykämien in Abhängigkeit von der Therapieform bzw. des HbA1c - Wertes. Ohne hier jetzt auf Einzelergebnisse einzugehen, kann ich Ihnen sagen, dass die Patienten mit der ICT (Intensivierten konventionellen Therapie) bedeutend bessere Ergebnisse erzielten als die Patienten der Vergleichsgruppe mit der konventionellen Therapie (CT). Und auch das subjektive Gefühl der Lebensqualität war bei den intensiviert eingestellten Patienten erheblich höher. Und das trotz des größeren Zeitaufwandes und den sonstigen Nachteilen dieser Therapieform, wie z.B. vier bis sechs tägliche Blutzuckermessungen, fünf bis sechs tägliche Insulininjektionen usw. Statistiken großer Diabeteskliniken zeigen, dass 90% bis 98% der Diabetiker, die einmal mit einer ICT begonnen haben, auch dabei bleiben. Die gleichen Erfahrungen haben wir in unserer Klinik auch gemacht.
Wenn Patienten wieder zurückgehen zu der CT, dann häufig deshalb, weil der Hausarzt die ICT nicht kennt, u.U. bemerkt, dass der Patient sich besser mit seiner Diabeteseinstellung auskennt als er als Mediziner. Und weil er meint, diese Therapieform sei viel zu aufwendig für den Patienten und mindert dadurch dessen Lebensqualität. Die Mehrzahl der geschulten ist aber so sicher geworden - auch im Umgang mit dem Hausarzt - dass sie bei der ICT bleiben. Trotz all` dieser Erfolge, die durch eine gute Schulung erreicht werden können, müssen wir uns alle immer wieder Fragen, welches Ziel wir eigentlich mit unseren Bemühungen verfolgen.Vor allen Dingen müssen wir alle m.E. immer wieder folgende Überlegung anstrengen:
Mit welchem Recht erwarten wir, dass der
Patient unsere Ziele erreicht und seine ganze Energie dafür einsetzt,
oder helfen wir dem Patienten seine Ziele zu erkennen und zu erreichen?
Vielleicht hat er ganz andere Ziele und ganz andere Vorstellungen von Lebensqualität, als wir uns für ihn ausgedacht haben?
Damit er seine von ihm erreichbaren Ziele erkennen kann, benötigt er Informationen- also Schulung.
Nur wenn er umfassend über seine Erkrankung Kenntnis hat, ist er in der Lage zu entscheiden, wo seine Ziele sind.
Es geht um seine Lebensqualität, nicht um unsere. Häufig bezeichnet man (vor allem die Ärzte, aber auch wir Pflegekräfte / Diabetesberater) Patienten, die nicht machen, was wir von ihnen erwarten, als non compliance und die, die fraglos und klaglos sich unseren Wünschen (=Anordnungen) unterordnen als compliance.
Ein neuer Begriff, der vor einigen Jahren auch bei uns in Deutschland Einzug hielt heißt Empowerment. Bekannt gemacht haben diese Wortschöpfung hier bei uns vor allem Hirsch und Nilsson.
Eine Übersetzung dafür zu finden ist schwierig. Umschrieben werden kann der Begriff mit:
Berechtigung / Befähigung / Ermächtigung, etwas zu tun
Aufgabe der Schulenden ist demnach, dem Patienten das Wissen und die Fähigkeit zu vermitteln, selber für sich Ziele zu erkennen, zu formulieren und zu erreichen.Auf einem Weg, den sich der Patient überlegt hat und der auch veränderbar ist.
Wir können ihm verschiedene Wege und Ziele aufzeigen, aber:
Wir geben ihm nicht mehr den Weg vor, sondern räumen ihm möglichst viele Steine aus dem Weg, damit er es einfacher hat, sein Ziel zu erreichen.
Dabei müssen wir auch akzeptieren, wenn er Umwege und Pausen macht.
Innerhalb eines Teams, das sich mit der Schulung und Behandlung von Diabetikern befasst, müssen eine ganze Reihe von Fragen geklärt werden.
Unter vielen anderen auch folgende:
- Welche Blutzuckerwerte / HbA1c-Werte muss/soll ein Diabetiker erreichen?
Muss ein 85 jähriger Diabetiker normoglykämisch eingestellt sein - oder reicht es, wenn er (aufgrund der Blutzuckerhöhe) beschwerdefrei ist?
Können wir ihm mit ruhigem Gewissen seine Lebensqualität gönnen, die mit Blutzuckerwerten im 250er mg/dl Bereich verbunden ist?
Wie sieht bei gleicher Fragestellung die Antwort bei einem 40 jährigen aus?
- Wie schaffen es alle mit dem Patienten arbeitenden, sich im Sinne des Empowerment zu verhalten und nicht in die alte „non compliance - Masche“ zu verfallen?
- Wie können wir die Patienten motivieren, für sich selbst Verantwortung übernehmen zu wollen / zu können? Es ist doch viel einfacher, wenn der Doktor sagt was man tun soll.
Wenn es dann schief geht und die ersten Folgeschäden auftreten, hat eben der Doktor Schuld. Dabei gilt es zu bedenken, dass viele Menschen der älteren Generation es nicht gewohnt sind, für ihre Gesundheit selbst Verantwortung zu übernehmen. Es macht ihnen Schwierigkeiten, nicht nach einem starren Diätplan zu essen, sondern selber zu entscheiden, was und wieviel man wovon isst. Und dann auch noch zu überlegen, wie die Insulinmenge den BE`s, der körperlichen Aktivität und dem selbst gemessenen Blutzuckerwert anzupassen ist.
Auch die Angehörigen profitieren von dem Wissen des geschulten Diabetikers, da sie kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen, wenn sie etwas essen, was “der arme Diabetiker” nicht essen darf. Ein geschulter Diabetiker weiß, dass er keine Diabetikerschokolade o.ä. braucht – sondern die normale essen darf. Nur anrechnen muss er sie. Das muss er aber bei der Diätschokolade auch.
Auch Typ 2 – Diabetiker, bei denen die Therapie mit oralen Antidiabetika keine ausreichend guten BZ-Werte mehr bringt, die dann Insulin spritzen müssen, haben meist trotz der Spitzerei eine höhere LQ. Sie merken, daß sie größere Freiheiten haben, was die Zusammensetzung Ihrer Kost angeht – und das alles bei besseren BZ-Werten als vorher.
Häufig dauert es auch eine Weile, bis die Betroffenen die Vorteile für sich selber erkennen. Wenn es soweit ist, sind sie oft die besten Multiplikatoren die man sich denken kann. Sie erzählen überall, wieviel besser sie sich fühlen, wie gut ihre BZ-Werte geworden sind, obwohl sie nicht mehr so strenge Diätvorschriften einhalten müssen. Sie benennen es vielleicht nicht so, aber sie haben eine höhere Lebensqualität

